Lauren Wolk: Das Jahr, in dem ich lügen lernte

Die US-amerikanische Autorin Lauren Wolk und die deutsche Übersetzerin Birgitt Kollmann erhalten den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz für das im Hanser Verlag erschienene Buch „Das Jahr, in dem ich lügen lernte“. Die Jury unter Vorsitz von Weihbischof Robert Brahm (Trier) hat das diesjährige Preisbuch aus 280 Titeln ausgewählt, die von 76 Verlagen eingereicht wurden. Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro wird zwischen Autorin (4.000 Euro) und Übersetzerin (1.000 Euro) aufgeteilt.

Lauren Wolk erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte der elfjährigen Farmerstocher Annabelle, die in der Konfrontation mit dem brutalen Mobbing ihrer neuen Mitschülerin Betty ihren kindlichen naiven Blick auf das Leben verliert und trotzdem beherzt und mutig für ihre Überzeugungen und Werte eintritt. „Annabelle ist ein starkes Mädchen, stark auch aus der unbedingten Liebe ihrer Familie. Weder Annabelle noch ihre Eltern können das Drama aufhalten, aber sie können das tun, was sie für richtig halten. ,Leben und Tod lege ich dir vor‘, heißt es im Alten Testament. ‚Wähle das Leben‘“, so Weihbischof Robert Brahm. Die Jury empfiehlt das Buch für junge Leserinnen und Leser ab 13 Jahren.

Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis wird in diesem Jahr zum 29. Mal vergeben. Der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gebhard Fürst (Rottenburg- Stuttgart), zeichnet die Preisträgerinnen am 24. Mai 2018 bei einem Festakt in Bonn aus.

Jurybegründung

Darf eine Lüge ausgesprochen werden, um die Wahrheit ans Licht zu bringen? Autorin Lauren Wolk legt diese Frage dem Finale ihres Jugendromans zu Grunde, dem das Lügen als dramaturgisches Moment und damit als ethische Herausforderung dient. Denn der titelgebende Lernprozess impliziert für die elfjährige Ich-Erzählerin Annabelle die bittere Erkenntnis, dass Lügen Menschen als Machtinstrument dienen. Annabelles retrospektiv (und damit auch reflektierend) erzählte Erlebnisse werden nicht von kleinen Schwindeleien bestimmt, sondern legen die strukturellen Aspekte des Lügens offen. Lauren Wolk wählt dafür ein historisches Setting: Im Jahr 1943 basiert der unausweichlich tragische Verlauf der geschilderten Ereignisse auf mündlich verbreiteten Unwahrheiten jenseits digitaler Pandemie. Gerüchte werden zur scheinbaren Wahrheit, mit deren Hilfe Vorurteile bestätigt und gesellschaftliche Hierarchien untermauert werden.

Wenn es im Dekalog heißt: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“ (Ex 20, 16), wird damit eine der menschheitsgeschichtlichen Grundkonstanten eines Lebens festgehalten, das aus dem Glauben an Gott heraus entsteht – und damit aus dem Glauben an das Gute im Menschen. Um dessen Dimension und eine daran gebundene Wahrheit zu begreifen, wird dem Guten schon im biblischen Kontext beispielhaft das Böse gegenüber gestellt. Lauren Wolk wählt dafür eine Figur mit dem Aussehen eines blondgelockten Engels, aber einer tiefschwarzen Seele. Mit Betty wird die unpopuläre Präsenz des Bösen nicht geleugnet, sondern zur Herausforderung für Annabelle: Seit Betty neu in die kleine Gemeinde gekommen ist, muss Annabelle jeden Tag auf dem Schulweg an ihr vorbei. Dieser Schulweg führt für Annabelle, deren Familie eine Obst- und Gemüsefarm im Westen von Pennsylvania betreibt, unausweichlich durch die Wolfsschlucht – einem, auch tiefenpsychologischen Bewährungsraum, in dem Betty Annabelle auflauert.

Als Annabelle sich Bettys Erpressungsversuchen weitgehend verweigert, wendet sich Bettys Aggression gegen Annabelles jüngere Geschwister. Annabelle vertraut sich ihren Eltern an, die versuchen, Betty zur Verantwortung zu ziehen. Als jedoch Annabelles Schulfreundin Ruth durch einen Steinwurf ein Auge verliert, zeigt sich Bettys manipulative Raffinesse: Mit Unschuldsblick lenkt sie den Verdacht auf Toby, einen Außenseiter, der vom Krieg traumatisiert in den Wäldern lebt und durch seine gesamte Erscheinung sichtbar schwer an seiner (Kriegs-)Schuld trägt.

Die allzu große Bereitschaft der Gemeinde, in Toby einen Übeltäter zu sehen, führt dazu, dass Annabelle schuldlos schuldig wird. Lauren Wolk greift damit das Moment der Schuldverstrickung auf und zeigt, dass das Sein und Handeln jedes Menschen in den Kontext seiner/ihrer Geschichte gestellt ist. Mit der Frage, ob Toby unschuldig zur Verantwortung gezogen wird und Betty schuldig entkommt, verdichtet Lauren Wolk ihren Roman zunehmend zu einem Thriller. Sie bleibt dabei jedoch nicht der Oberflächenspannung verpflichtet, sondern fächert Annabelles Kindheitserfahrungen sinnlich auf. Ihr genauer Blick für Details wird dabei nicht nur zu einem poetischen Mittel, sondern auch zu einer Konstante dessen, was sich ereignet, als Annabelle zunehmend selbstbestimmt für die Wahrheit eintritt – und dafür lernt, zu lügen.

Zur Autorin

Lauren Wolk wurde am 28. Oktober 1956 in Baltimore, Maryland (USA), geboren. Sie ist Schriftstellerin, Dichterin und bildende Künstlerin. An der Brown University studierte sie Literatur, arbeitete u. a. als Redakteurin, Feuilletonistin und Lehrerin und ist derzeit stellvertretende Leiterin des Cultural Center of Cape Cod. Auf der Halbinsel ist sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen auch zuhause.

„Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ ist Lauren Wolks Debüt. Für „Wolf Hollow“, das englische Original von „Das Jahr, in dem ich lügen lernte“, wurde Wolk der US-amerikanische Preis Newbery Honor verliehen.

Zur Übersetzerin

Birgitt Kollmann, geboren am 8. Februar 1953 in Duisburg, studierte in Heidelberg Englisch, Spanisch und Schwedisch und arbeitete anschließend als Übersetzerin, unter anderem im Bereich Entwicklungshilfe, bis sie mit ihrer Familie nach Argentinien zog. Seit der Rückkehr an die hessische Bergstraße vor gut zwanzig Jahren hat sie über siebzig Bücher übersetzt.

Mehrfach war sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert; 2008 erhielt sie zusammen mit Michael Gerard Bauer den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis für sein Buch „Running Man“.